Aus der Distanz

Die Tür geht einen Spaltbreit auf. „Danke“, ruft eine leise Stimme. Man legt das Essenspaket schnell vor der Tür ab und tritt schnell zurück. Man will niemanden gefährden und trotzdem tut die geschlossene Tür weh.

***

In der Wohnung unter mir schreit das Baby. Die Nachbarin schickt eine entschuldigende Nachricht über Whatsapp, aber ich beruhige sie. Tatsächlich freut es mich, eine menschliche Stimme – ohne digitale Hilfsmittel – zu hören.

***

Ich weiß, dass wir alles tun müssen, um das Virus einzudämmen. Aber die Einsamkeit macht etwas mit einem. Ein paar Gedanken über Gefühle in Isolation.

(Es gilt wieder: Wer hören mag, die Audiodatei anklicken, ansonsten gibt es den Text unten angehängt zum Lesen.)

ich kann nicht mehr,

sagt das herz zum verstand.

ich vermiss die andern zu sehr,

in mir ist sehnsucht entbrannt.

.

und ich hab mich doch jetzt so lange vorbildlich verhalten,

hab mich an die kalten

aufforderungen des verstandes gehalten

distanz gewahrt, um abstand zu entfalten.

.

bleib weg! tritt zurück!

weiche aus! lass ein stück

mehr platz zwischen dir und den anderen.

.

ich distanziere mich.

ja, so kannst du leben retten!

engagiere dich!

bleibt bitte in euren städten.

seid ehrlich.

und das tut man natürlich,

das verhindert die gefährdung,

weiß das herz. und dennoch schmerzt die entfernung.

.

denn wenn man liebe menschen sieht

und sie treten beim näherkommen zurück.

wenn alles in einem nach vorne strebt

und man weiß, man muss ein stück

nach hinten. dann versetzt das nämlich

einen harten stich,

weiß der schmerz.

.

wenn man nur zuwinken darf.

aber nicht drücken,

nicht die hand geben,

einander nicht umarmen,

nicht umklammern,

und schon gar

nicht küssen.

das macht was mit mir,

sagt das herz.

.

dabei es ist ja wohl das mindeste.

daheimbleiben ist ja auch eine geste.

andere gehen täglich an ihre grenzen,

forschen an lizenzen

pflegen und schlichten und retten und ertragen,

wie lächerlich ist es dagegen doch, darüber zu verzagen,

über einsamkeit zu klagen.

.

anfangs dachte man ja, es sei nicht so schlimm,

wenn man in den supermarkt oder zum laufen ging,

dann schritt man eigentlich gleich automatisch zur seite

ließ platz, wartete ab, machte einen bogen.

nickte den anderen zu, bevor sie weiterzogen.

distanz halten bedeutet respekt.

man nimmt den anderen wahr, man weiß, das ist korrekt,

für mich und für die anderen.

doch je häufiger die menschen vor einem die straße wechseln

in die büsche flüchten

oder zu seite hechten,

dann tut das weh.

.

jaja, sagt das herz, ich versteh,

dass sie nicht vor mir ausweichen. ich weiß, es ist nicht wahr.

aber es fühlt sich so an, als wäre ich die gefahr,

als müsste man sich vor mir in acht nehmen.

als müsste ich mich schämen.

ich weiß, es ist die krankheit, die wir scheuen.

und trotzdem ist es traurigkeit, die wir damit streuen.

.

dabei ist man als junger mensch eh so privilegiert.

der laptop steht kaum noch still.

man ist mit der familie am skypen,

mit den freunden am zoomen,

am whatsapp-callen und am googeln,

wie man sich aus der distanz nahe sein kann.

.

was fängt man mit seiner zeit an,

wenn das überhaupt fehlt?

wenn man zu jenen zählt,

die die einsamkeit quält

und die in der dunkelheit ausharren müssen.

.

aber die digitale anwesenheit ist ja auch nur eine blende

und immer dann wenn das gespräch zu ende

ist, wenn man den laptop zuklappt,

dann ist mit einem schlag

die sehnsucht wieder da.

da ist so viel leere im raum,

wie ein unsichtbarer zaun.

.

ist es nicht endlich genug, fragt das herz: ich bin müde.

der verstand schüttelt traurig den kopf:

ich weiß es ist hart, ich glaub’s dir doch.

aber ein bisschen durchhalten müssen wir noch.

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