A Ticket To Ryde

Dünne Regentropfen landen auf meinem Gesicht, der Himmel ist düster über der Isle of Wight. Ich setze mich auf ein kleines Steinbänkchen in dem verlassenen Kaffeehausgarten und krame nach meinem Knirps, greife aber nur Dairy-Milk-Riegel und Scones-Krümel. Das gab es doch schon einmal:

Ich stehe in der Schlange vor einem Nachtclub irgendwo am anderen Ende der Insel. Der englische Nachthimmel hat sich als Zelt der Möglichkeiten über die Insel gelegt und wir haben uns Wegbiere und Wodka-Mix-Getränke in Plastikflaschen mitgenommen. Es ist 2005 und ich begleite 30 Noch-Nicht-Einmal-Teenager auf ihrer Englisch-Sprachreise als Assistant-Leader. Die Tage gehören den Kindern, die Nächte uns.

Stopp

Als wir endlich an der Eingangstür ankommen, haben wir die mitgebrachten Flaschen längst ausgetrunken. Die ersten von uns werden hereingewunken. Doch eine Hand versperrt mir den Einlass. Meine braune Beuteltasche ist zu groß. Sie muss gecheckt werden. Ich zögere nur ganz kurz, bevor ich sie aushändige. Man darf in England erst mit 18 in Clubs, ich bin 17.

Die Club-Frau kramt sich durch Dairy-Milk-Riegel, Scones-Krümel und einen Knirps-Schirm. Dann hält sie inne. Mein Portemonnaie kann es nicht sein. Es ist etwas Rundes, das sie aus der Tasche zieht.

Meine Mama war ein wenig besorgt, ob meiner bevorstehenden Reise. Sie sah die lustigen Pub-Abende voraus und das nächtliche Stolpern durch dunkle Gasse. Als ich das Gepäck noch viel unordentlicher in den Koffer stopfte, als ich es heute tun würde, ist sie ins Zimmer gekommen. „Nimm den mit. Zur Sicherheit. Wenn du abends allein unterwegs bist.“

Ich habe ein wenig die Augen verdreht, ihn dann aber doch eingepackt.

Der Fund

„You do know that pepper sprays are illegal in England?” Das Weiche aus dem Gesicht der Club-Frau verschwunden.

Die Hitze schießt durch meinen Körper und verbrennt in der Sekunde jeglichen Alkohol. Mein Kopf ist tomatenrot. Ich stammle eine Entschuldigung und dass ich das nicht wusste.

Das sei zu spät, unterbricht sie mich und verlangt meinen Ausweis.

Ich krame mich durch Schokoriegel und Kekskrümel und ziehe mein Portemonnaie hervor. Ihr Blick verfinstert sich noch mehr: „You are only 17. You are not even allowed to be here“, sagt sie.

Verdammt, denke ich, hoffe, dass sie mich einfach gehen lässt. Doch sie behält meinen Ausweis und steht zackig auf: „Follow me.“

Mit schnell klopfendem Herzen stolpere ich ihr hinterher. Wir gehen in einen kühlen Raum, in dem ein Kollege auf uns wartet. Ich hätte versucht, ein Pepper Spray in den Club zu schmuggeln, sagt sie zu ihm. Er nickt, er informiere die Polizei.

Polizei?! Was steht auf den Besitz eines Pfeffersprays? Was auf das Hineinschmuggeln in einen Club?

Ich bleibe in der Ecke stehen. Die beiden Clubmitarbeiter*innen beginnen über irgendetwas zu sprechen; es ist zu leise und zu schnell und ich bin zu aufgeregt, um es zu verstehen.

Alarmiert

Eine gefühlte Woche später klopft es hart an der Tür. Die zwei Polizisten, die den Raum betreten, haben ihre Brust rausgestreckt, die Augen zusammengekniffen.

Sie treten mit Härte und Autorität ein. Eine Hand am Schlagstock, bereit zum Kampf, bereit zum Sprung.

Ob ich Handschellen bekomme? Ob ich ins Gefängnis muss? Und alles nur weil ich meiner Mama zuliebe den Pfefferspray eingesteckt habe!

Die Polizisten scannen das Zimmer nach der den Störenfrieden. Etwas irritiert bleiben sie stehen.

„Where is she?“, fragt der eine, der noch ein bisschen breitere Schultern.

Die Club-Frau zeigt auf mich.

Sie? Er deutet auf das zitternde Häuflein Elend, das nicht einmal ein Glas aus einem Club stehlen würde.

Und dann weicht die Luft aus ihrer Brust wie aus einem aufgestochenen Luftballon. „So, you are the dangerous pepper spray intruder?” Ist das ein Grinsen?

Wohin?

Die Polizisten beginnen, einen Bericht auszufüllen. Als ich mein Geburtsdatum sage, halten sie kurz inne. Als ich erzähle, dass ich den Pfefferspray meiner Mama zuliebe eingesteckt habe, heben sie die Augenbrauen und schauen die Clubmitarbeiter an.

Ich kann gehen, sagen sie.

Kurz bevor ich aus der Tür bin, halten sie mich noch einmal an. Wo ich hinwolle?

Ich drehe mich um.

Die Club-Frau sieht mich streng an. “Well, she is not allowed to be here.”

Der hektische Pulsschlag ist wieder da. Wie komme ich darauf, dass sie mit „gehen“ gemeint haben, ich könnte nach Hause gehen? Natürlich werden wir jetzt auf Revier gehen. Ich trage eine verbotene Waffe.

„Home“, probiere ich es.

Und wo „Home“ sei, fragt der jüngere Polizist nach.

Wollen sie mich überwachen? Ich überlege ganz kurz zu flunkern. In Ryde, sage ich dann aber, wahrheitsgemäß.

„And your friends?“

Werden ihr Taschen jetzt auch durchsucht? Weil: Wo eine Pfefferspray-Schmugglerin ist, sind meiste mehrere? Im Club, sage ich.

„Come with us.“

Ich werde meine Freunde nicht verraten!

Der ältere Polizist winkt ungeduldig, als ich erstarrt stehen bleibe. „We are going to drive you home.“

Die Nachricht

Als ich angeschnallt im Auto sitze, kann ich es mir nicht verkneifen. Ob ich telefonieren darf, frage ich. Der jüngere Polizist sieht den älteren an, dann zuckt er mit den Schultern. Mach ruhig.

Ich fische mein Handy aus meinem braunen Lederbeutel. Nach dem fünf Klingeln geht sie ran, es ist ja auch schon fast Mitternacht in Österreich.

„Hallo Mama, rate mal wo ich sitze?“

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