Aller Anfang oder Der Versuch von Dolce Vita auf der Triester Straße

Okay, das ist doch etwas wackelig.

Aber gut, ich hätte es natürlich wissen müssen:  Nur zwei  Räder — das hält sich  nicht von alleine gerade. Plus der Motor — das geht also nicht ohne eine gewisse Geschwindigkeit. Vielleicht ist die Vespa doch nicht das ideale Fortbildungsmittel für mich, die eher in die Kategorie Angsthäsin und mittelgradiger Tollpatsch fällt.

Zum Glück kommt mir dieser einleuchtende Gedanke zum idealen Zeitpunkt nämlich:  Einige.  Minuten.  Nach.  Dem.  Kauf.

Der nette Verkäufer schiebt den bezahlten roten Motorroller auf den Parkplatz.

„Super, vielen Dank! Ja, ja, ich mach das von hier. Kein Problem.”

Zum Glück kann er meine Wackelpuddingbeine und mein Kolibriherz nicht sehen. Vielleicht mache ich noch ein paar Übungsrunden auf der Tankstelle dort hinten, bevor ich mich auf die Triester Straße wage.

Der Geruch von Pinien und große Sonnenbrillen

Wieso mich diese idealisierten Bilder in meinem Kopf auch immer in Situation bringen müssen, die mir eine Nummer zu groß sind?

Aber wer kann einer leuchtend roten Vespa denn schon widerstehen? Da läuft der Dolce-Vita-Film doch von alleine im Kopf ab. Der Geruch nach Pinien, laue Sommerabende, Kopfsteinpflaster, Männer mit den Sonnenbri…

Wupps, da wäre sich das mit Kurve knapp nicht ausgegangen. Wie peinlich wäre das gewesen: Eine umgekippte und zerkratzte Vespa am ersten Tag.

Okay, zehn Runden noch, dann gehen wir es mit dem Heimweg an. Sonst wird das nichts mehr. Also: Fokus, Blick auf die Straße, weg von den Bildern im Kopf, die mich dazu getrieben haben, mein erstes Gehalt zu verprassen. Weil eine erwachsene, coole Journalistin braucht einen Motorroller.

Das weiß ich, seit ich als Fünfjährige auf einer Fahrt nach Tirol und zurück ein und dieselbe Benjamin-Blümchen-Kassette in Dauerschleife gehört habe (sehr zur Freude meiner Eltern) und dabei Karla Kolumna kennenlernte, die rasende Reporterin. 

Das erste Mal

Zehn Runden vorbei — auf geht’s. Die Triester Straße wartet — und kommt viel zu schnell näher.

Ich schlucke einmal, dann wird es grün und ich biege vorsichtig um die Kurve. Merke, wie ich meinen Atem anhalte und zwinge mich, auszuatmen. Drehe sanft am Lenker und werde etwas schneller. Und noch etwas schneller.

Meine Haarspitzen flattern im Wind.

Mücken knallen mir gegen mein Visier.

Die Wangen schlackern.

Ich fühle mich frei!

(Vielleicht kann ich so doch noch als Italienerin durchgehen?)

 

Junge Frau auf Vespa

So könnte ich dann vielleicht aussehen

NNNNnnnttt!!!!! Ein lautes, genervtes Hupen von hinten.

Nnnnttttt!! Noch eins. Mein Kolibriherzschlag ist wieder da. Verdammt, was ist los? Was mache ich falsch? War ich zu schnell? Wollen sie mich vor einem Radar warnen? Panisch senke ich meinen Blick auf den Tachometer — und bekomme einen Schreck.

Erlaubt sind auf dieser Straße 70 km/h.

Ich fahre… nicht ganz 27.

***

Dieses Erlebnis liegt mittlerweile einige Zeit zurück. Meine Fahrfähigkeiten haben sich in der Zwischenzeit radikal verbessert. Es reißt mich schon lange nicht mehr, wenn die Tachonadel den 70er überschreitet. Aber als ich das Foto für den Blog hochgeladen habe, ist mir meine erste Vespa-Fahrt dennoch sofort in den Sinn gekommen. 

Sie hat mich daran erinnert, dass aller Anfang schwer ist.  Dass es bei neuen Dingen zunächst schwieriger wird, bevor es dann irgendwann einmal leichter geht.

Aber: Dass es all die Aufregung, die Anstrengung, das Herzklopfen am Ende immer noch wert war.

 

 

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