Das Koffer-Drama oder das beste Mittel gegen Jetlag

Ich habe einen sehr effektiven Weg gefunden, das zähe Gefühl des Jetlags loszuwerden. Er ging wie folgt:

Ich bin ganz normal als Matschbanane in Christchurch, Neuseeland, angekommen. Nehme, weil ich noch ein kleines bisschen dekadent bin, das Sammeltaxi „Supershuttle“ zum niedlichen Hostel im Zentrum der Stadt.

Es ist 10 Uhr morgens, fühlt sich aber an wie 5 Uhr früh oder 12 Uhr nachts. 

Die sehr sympathische Hostel-Managerin sagt, ich könne leider noch nicht einchecken. Ich könne den Koffer aber im TV Room parken. Da würden schon ein paar andere Koffer stehen. 

Ein bisschen umnachtet ruckle ich den Koffer durch den süßen Garten mit Palmen und einer Hängematte in den TV Room. Tatsächlich stehen da schon drei schwarze Koffer zwischen Couch und Fernseher. Ein bisschen erleichtert, dass ich im Backpacker-Land Neuseeland doch nicht die Einzige mit Koffer bin, stelle ich den eigenen schwarzen Koffer dazu. 

Die Erleichterung wird gleich wieder durch die Französin zunichte gemacht, die hinter mir in den TV Room kommt, und ihren Backpacker-Rucksack ablädt.

Ich reiße mich zusammen, weil ich nicht ewig mit dieser Entscheidung hadern kann. Beschließe, noch ein paar Sachen aus dem Rucksack in den Koffer zu packen, damit ich beim Herumbummeln nicht so schwer schleppen muss. 

Soll ich auch den Laptop in den Koffer geben?

Ich erinnere mich, wie ich als Kind mit den Eltern in Laxenburg Radfahren war. Und dass wir, auch wenn wir nur kurz ein Eis holen waren, das Rad immer absperrten. Sicher ist sicher.

Aber der Laptop ist schwer.

Ich beschließe, den Laptop in den Koffer zugeben. 

Mir fällt ein, dass ich den Koffer ja verschließen kann.

Perfekt, dann könnte ja nichts passieren, denke ich. 

Der Spaziergang

Ich spaziere ein bisschen durch die Gassen von Christchurch. Bevorzugt in den schattigen Gassen. Denn obwohl es bewölkt ist, brennt die Sonne durch das Ozonloch auf der Haut. Weil die Straßen sehr weit sind und es Mittag ist, gibt es leider kaum schattigen Gassen und die Sonnencreme ist ja im Koffer.

Ich finde aber ein süßes Restaurant, es spielt Live Musik, die Kellner sind alle sehr modisch. Das liegt wohl daran, dass zum Restaurant auch ein Barbershop gehört. 

Nach dem Kaffee bin ich zu müde für noch mehr Sightseeing und beschließe, zurück zum Hostel zu gehen. Der Garten sah niedlich aus, ich könnte bestimmt dort entspannen.

Der Schockmoment

Auf dem Weg zur Toilette komme ich am TV Room vorbei. Ich werfe eher beiläufig einen Blick hinein.

Im ersten Moment realisiere ich es nicht. 

Ich bin schon fast am Zimmer vorbei, da drehe ich mich vor Schreck noch einmal um – und sehe: keine Koffer mehr. 

In einem Moment der ungewöhnlichen Ruhe denke ich mir, dass die Hostel-Mitarbeiter die Koffer vielleicht in einen anderen Raum gebracht haben. Ein bisschen ins Wanken gerät die These, als ich sehe, dass der Backpacker-Rucksack der Französin noch da ist.

Ich gehe dennoch zur netten Hostel-Managerin und erkundige mich, ob die Koffer aus dem TV Room vielleicht woanders hingebracht worden sind. 

Sie runzelt die Stirn.

Naja, weil mein Koffer weg ist, sage ich.

Die Panik in ihren Augen gibt den Startschuss für das Adrenalin, durch den Körper zu schießen.

Das Adrenalin

Nein, meint die Hostel-Managerin, die Typen, von denen die anderen Koffer waren, hätten ausgecheckt.

Noch mehr Adrenalin schießt im Körper herum.

Der Laptop!

Obwohl ich dachte, mehr Adrenalin sei nicht möglich, bekomme ich noch einen Schub.

Ich denke an das abgesperrte Rad in Laxenburg und möchte weinen.

Das Chaos im Kopf

Die nächsten Sätze bekomme ich dann nur so halb mit: Sie entschuldigt sich. Und versichert, dass die Koffer-Besitzer nette Männer waren, die einen Charity-Bike-Ride organisierten. Dass die bestimmt versehentlich den Koffer mitgenommen hatten. Dass sie gedacht hätten, der gehöre dem jeweils anderen. Männer. Dass sie sie auf allen Kanälen kontaktieren werde.

Sie macht sich in der Sekunde daran.

Ich google, wie das mit der Reiseversicherung bei Diebstahl ist, und erkenne, dass die tolle Reiseversicherung, die ich im Reisebüro noch extra abgeschlossen habe, in so einem Fall maximal 1.000 Euro bezahlen würde. 

Das wäre nicht einmal der halbe Laptop. Vom restlichen Gepäck ganz zu schweigen.

Inzwischen ist die – ebenfalls sehr nette – Hostel-Besitzerin angekommen. Sie spricht mir auch gut zu. Sagt, dass sei in 35 Jahren genau einmal passiert ist – (Oh Gott, es gab den Fall also schon einmal, denke ich panisch) – und sich alles aufgeklärt habe, ein Missverständnis.

Kurze Erleichterung.

Die Hostel-Managerin sieht die Unruhe. Fragt, ob ich mich vielleicht frisch machen möchte. Gibt mir Handtuch und Seife, weil ja das Eigene im nicht vorhandenen Koffer ist. Sagt, ich soll mich ein bisschen ausruhen. Die Nachrichten seien draußen. 

Ich gehe duschen (das hilft tatsächlich ein wenig), lege mich hin, falle in einen unruhigen Halbschlaf.

Das Klopfen an der Tür

Ein sanftes Klopfen an der Tür.

Ich bin in der Sekunde putzmunter.

Traue mich nicht zu hoffen.

Die Hostel-Managerin öffnet und schiebt …

… den Koffer herein.

Eine bis dato nicht gekannte Welle der Erleichterung durchströmt mich.

Und der Jetlag ist weg. 

P.S. Die zwei Männer hatten den Koffer tatsächlich versehentlich mitgenommen. Als sie die Nachricht erhielten, war es ihnen unglaublich unangenehm und sie sind sie auf der Stelle zurückgerast. 

P.P.S. Die Hostel-Managerin und Hotel-Besitzerin haben sich ganz oft entschuldigt, mich in der Zeit des Wartens bestens betreut und auf die erste Nacht eingeladen. 

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