Der eingebildete erste Eindruck oder eine S-Bahn-Fahrt der Vorurteile

Gersthof

Der Erste Eindruck ist ein ziemlicher Angeber. Bildet er sich doch ein, einem nach nur 100 Millisekunden ein Urteil über einen anderen Menschen aufschwatzen zu können. Wie kommt er auf die Idee? 100 Millisekunden, das ist schließlich nichts.

Etwa unlängst, in der S45: Zwei Männer steigen ein. Ihre Stimmen sind schon durch die offene S-Bahn-Tür zu hören, bevor man sie richtig sehen kann. Dann gelangen sie ins Blickfeld, sie tragen Jeans und Sweatshirt. Lachen gerade laut auf, erdig,  eigentlich… – uuunnd die 100 Millisekunden sind um, der Erste Eindruck meldet sich: Derb eigentlich, der Lacher, da hat bestimmt der eine dem anderen gerade einen sexistischen Witz erzählt, solche Machos. 

Die beiden setzen sich mir gegenüber. Ich lasse meinen Blick über den Rand meines Buches gleiten. Sie sitzen breitbeinig da, der eine stützt seinen Ellbogen am Fensterrahmen ab. Sie reden laut, zu laut, als wären sie im Wirtshaus.

Typisch, denkt der Erste Eindruck in mir.

Die Fahrt beginnt

„Kommst jetzt noch mit?“, fragt Mann A.

„Naaah“, erwidert Mann B, „du ich kann nicht. Hab dem Rainer versprochen…“

Geht bestimmt ums Trinken, will mir der erste Eindruck einreden.

„…ihm beim Gitterbett für die Kleine zu helfen.“

Ich sehe den Ersten Eindruck fragend an; er sieht weg.

Mann A: „Heast, da muss es auch bald so weit sein!“

Der Erste Eindruck ereiferte sich: Jetzt kommt bestimmt ein Witze über einen Braten oder eine Röhre oder irgendetwas mit Platzen ist…

Der Eindruck will nicht verstummen

Mann B: „Ja, voll, in drei Wochen ist Geburtstermin.“

Ich sehe den Ersten Eindruck an und hebe die Augenbrauen. Das war ja nun wohl schon der zweite Fehlschuss. Die beiden Männer sind doch total aufmerksam.

Kurzes Schweigen.

„Übrigens,“ sagt Mann B dann. „Letztens hab ich die Miri wieder gesehen. Mann, die ist immer noch ziemlich hot.“

Okay, jetzt darf ich aber die Augen verdrehen, sagt der Erste Eindruck, das ist doch wirklich klischeehaft!

Suche nach Bestätigung

„Die Miri?“, fragt Mann A. 

Mann B: „Ja. Weißt eh….“

Und jetzt kommt bestimmt noch eine Beschreibung ihres Körpers, redet sich der Erste Eindruck in Fahrt.

Mann B weiter: „…meine erste große Liebe…“

Lieb, denke ich und halte dem Ersten Eindruck den Mund zu.

Mann A: „Ah die Miri…“

Mann B: „Na und sie hat mich so angesehen. Ich sag dir, der bin ich auch nicht egal.“

Na klar, natürlich steht sie noch auf dich! Der Erste Eindruck kann es einfach nicht lassen. 

Mann A: „Ihr wart ja auch echt lang zam nicht?“

Darauf Mann B: „Vier Jahre. Mann, echt gut. In die war ich richtig verschossen.“

Die wichtigste Frage

Mann A: „Und, was machst du jetzt?“

Resigniert zuckt Mann B mit den Schultern: “Na nichts natürlich. Na, die ist Volksschullehrerin, ich bin Möbelpacker. Wie stellst du dir das vor? Sie vereist gerne… Was soll ich da machen? Zuhause sitzen und Däumchen drehen? Das geht sich nicht aus. Ich kann ihr doch nichts bieten!“

Beide schweigen.

Nach einer Weile sagt Mann A noch: „Shit, Mann.“

Dann schweigen sie weiter.

Und endlich hat der Erste Eindruck auch nichts mehr zu sagen.

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