Wenn einen das schlechte Gewissen im Kreis fahren lässt

Vergangene Woche. Ich möchte abends mit einer Freundin auf ihren Geburtstag anstoßen und bin spät dran. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln hätte es eigentlich auch nur 30 Minuten gedauert, aber die AutoSharing-App lockt mich mit 12 Minuten Fahrzeit, keinen Wartezeiten und Gemütlichkeit.

Sie muss nicht sehr lange locken.

Der Smart steht noch dazu vor meiner Tür.

Ich unterdrücke das schlechte Gewissen und rede mir ein, dass man auch – einmal – dekadent sein darf.

Einmal ist ein herrlich dehnbarer Begriff.

Alles ist dann toll, der Verkehr flutscht, das Autoradio spiet die besten Mit-Sing-Lieder.

Der Smart und ich sind in 11 Minuten und 30 Sekunden am Ziel.

Tadaa! Also wenn sich das nicht ausgezahlt hat. 18:30 Minuten schneller als mit den Öffis. (Dass mich die andere Fahrt dank Jahreskarte nichts gekostet hätte, verdränge ich gekonnt.)

Doch dann biege ich in die schmale Gasse in Wien-Mariahilf und ahne es.

Sätze der Kindheit

Kurzer Einschub: Der Satz, den ich als Kind nie hören wollte: Naja, aber da kannst du doch öffentlich hinfahren, Autofahren ist ja auch nicht gut für die Umwelt.

Natürlich hatte mein Papa sehr sehr recht mit dem Satz. Aber als trotzige Teenagerin ich wollte ihn trotzdem nicht hören. Und wenn dann der Bus nicht sofort kam oder die Straßenbahn stickig heiß oder zugig kalt war, tat ich mir leid. Egoistisch und albern natürlich.

(Dass meine Eltern fürs Hin- und Herfahren auch eine Stunde gebraucht hätten, verdrängte ich. Ich verdränge überhaupt gerne.)

Etwas absurd übrigens: Wenn ich mit meinem Vater unterwegs war, kam jedes Verkehrsmittel immer sofort; so als wären die Verkehrsmittel auf der Seite meines Vaters. Und anstatt mich zu freuen, dass wir schnell vorankamen, ärgerte ich mich ein bisschen, dass ich jetzt gar nicht jammern konnte.

Und noch absurder: Wenn ich mir später ab und an das Auto meiner Eltern ausborgte, war es stets wie verhext: Ich fand einfach keine Parkplätze. Immer parkte sich exakt vor mir jemand in den letzten freien Parkplatz ein oder die Lücke, die ich gedacht hatte, auszumachen, war mit einem Moped gefüllt. Während ich auf der Suche nach einem Parkplatz Kreise um Kreise zog, hörte ich meinen Vater schmunzelnd sagen: Also wenn du öffentlich gefahren wärst, wärst du jetzt schon da…

Und das schlechte Gewissen wurde lauter.

Das schlechte Gewissen müsste anlässlich der Klimakrise heute eigentlich noch viel lauter sein. Und ich kann auch nicht rechtfertigen, wieso ich mich manchmal doch in ein AutoSharing-Auto setze, mit dem ich maximal 15 Minuten Zeit gewinne und gleichzeitig 10 Euro verliere.

Kreise um Kreise

Und jetzt, in den engen Gassen Mariahilfs, weiß ich es noch weniger. Dass es hier keine Parkplätze gibt, hätte mir klar sein müssen. Hier bekommt ja nicht einmal jemand einen Platz, der kein verhextes Parkplatz-Karma hat.

Ich kreise und kreise, bis – ha! ein Parkplatz.

Blick auf die Uhr: 17 Minuten. Puh, noch ausgezahlt.

Doch gerade als ich aussteigen möchte, fällt mein Blick auf das Parken-Verboten-weil-Baustelle-Schild.  NEIINN!!! Ab 7 Uhr Früh ist Parkverbot. Und wenn bis dahin niemand kommt? Dann muss ich als Letztbenützerin bestimmt die Abschleppkosten zahlen.

Genervt stecke ich den Schlüssel zurück ins Zündschloss.

Also wenn du öff… möchte die Stimme in meinem Kopf beginnen, aber ich verbiete ihr weiterzusprechen.

Ich drehe den Schlüssel, aber es tut sich nichts. Ich drehe ihn noch einmal, aber das Ergebnis ist das Gleiche. Mein Blick fällt auf die Tankanzeige. Fast bei null.

AARGGHH! Ich habe das Auto leergefahren!! Jetzt muss ich zur nächsten Tankstelle gehen und wie im Film einen Kanister Benzin holen. ABER ICH MUSS DOCH VOR EINER HALBEN STUNDE AUS DEM AUTO RAUS. Ich darf nicht gegen die Öffi-Fahrt verlieren.

Weil: Wenn du öffentli… möchte die Stimme schon wieder beginnen.

Wettlauf gegen die Gewissensbisse

Hektisch rufe ich die AutoSharing-Hotline an.

Die Frau sagt ich soll mich beruhigen.

ICH KANN MICH NICHT BERUHIGEN, WIR VERREDEN HIER WERTVOLLE MINUTEN.

Ein Blick auf die Autouhr: 28 Minuten Fahrtzeit.

Die nächsten Minuten vergehen damit, dass sie mir die Servicefrau erklärt, dass man das Auto eigentlich starten können müsste.

JA, ABER ES GEHT NICHT.

Nach 15 Minuten wissen wir beide immer noch nicht, was das Problem ist.

“Na, probieren Sie es einfach später noch einmal”, sagt sie fröhlich.

NA, ABER GERNE! Ich bin ja auch deshalb mit einem AutoSharing-Auto zu einer Geburtstagsfeier gefahren, damit ich dort nichts trinken kann, um später nochmal ein Auto umzustellen!

Ich lege auf und schließe die Miete ab.

Zeit ist Geld

In der nächsten Sekunde trudelt die Mail mit den Kosten ein: 13,33 Euro.

Blick auf die Uhr: 43 Minuten.

Wenn…

Und dann kann ich das schlechte Gewissen nicht mehr wegschieben.

“JA, OKAY, ICH HÄTTE ÖFFENTLICH FAHREN SOLLEN!”, rufe ich in den Nachthimmel und bin froh, dass ich die einzige in der Gasse bin.

Vielleicht ist es an der Zeit, auf meinen Vater zu hören.

P.S. Zuhause habe ich die App vom Handy genommen und berechnet, wie viel Bäume ich pflanzen muss, um die CO2-Bilanz meiner 13.000 Vespa-Kilometer seit 2013 auszugleichen.

Ich bin jetzt zertifizierte Baum-Mama in Kenia.

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