Wie ich zu Weihnachten doch noch von London nach Wien kam

Es wäre selbst für österreichische Verhältnisse viel Schnee gewesen, aber für englische war es fast unvorhergesehen.

Anfangs freuten wir uns alle, in dem Dezember 2010 in London. Spazierten den ganzen Tag durch das verschneite Hampstead Heath, wärmten uns mit Mulled Wine im Hyde Park, schauten verträumt aus den Fenstern.

Doch dann erreichten uns die ersten Nachrichten von Erasmus-Freunden, deren Flug nach Hause gecancelt wurde. Mit leichter Panik in den Augen kehrten sie ins Studierendenheim zurück. Hängten am Telefon oder am Laptop, versuchten einen anderen Weg nach Hause zu finden; mit dem Bus, mit dem Zug durch den Ärmelkanal.

Vielleicht war es der viele Wein, oder das unterbewusste Wissen, dass mich eine Panik nicht weiterbringen würde. Ich rechnete einfach weiter damit, dass mein Flug am 22. Dezember stattfinden würde. Die meisten Mitstudierenden wären von kleineren Flughäfen geflogen. Ich war mir sicher, dass der größte Flughafen Englands mit der Schnee-Situation umgehen konnte.

Doch es war dann wohl auch seine Größe, die ihm zum Verhängnis wurde.

Anfangs, so entnahmen wir den damaligen Medienberichten, war es vor allem das Eis auf den Maschinen, das Probleme bereitete. Doch als man die Enteisung in den Griff bekommen hatte, kamen die Menschen. Einige hatten den Flughafen nicht mehr verlassen können oder wollen und so war der Flughafen in der Folge vor allem damit beschäftigt, Personen, deren Flüge in den Tagen zuvor gecancelt worden waren, abzutransportieren.

Am Abend des 20. Dezember kam dann doch das Mail. Ich saß mit einer Gruppe Studenten in einer Küche, wir tranken Wein und Bier und Cider, aßen Kekse und Minced Pies. Mein Flug war storniert. Die Fluggesellschaft bot mir einen Ersatzflug am 26. Dezember an.

Am 26.??

Mit der Nachricht brachen die Gefühle über mich herein, die ich so eisern zurückgehalte hatte. Meine Finger wurden klamm, meine Beine zittrig, mein Bauch eine harte Kugel.

Nun war ich also eine von denen, die hastig aufbrach, nach Hause eilte und verzweifelt versuchte, auf einem der anderen Flughäfen in der Umgebung noch ein Ticket vor Weihnachten zu ergattern.

Chancenlos, natürlich.

Irgendwann rief ich also meine Eltern an.

Es war surreal, es auszusprechen. Ich war noch nie zu Weihnachten nicht zu Hause gewesen. Eine Freundin aus Wien, die das Semester in Brighton verbracht hatte, wäre mit mir geflogen. Wir würden also zumindest zu zweit sein. Andere im Heim würden auch bleiben, hatten schon Einladungen ausgesprochen. Aber es wäre natürlich kein Vergleich.

Der Film, den ich mit der Freundin an dem Abend im Zimmer noch sah, machte keinen Spaß mehr. Und der Schnee, der zuvor die Stadt verzaubert hatte, war nun schwer und dreckig.

Der Plan

Es war ein Satz beim Frühstück am nächsten Morgen. „Wieso sucht ihr nicht über andere Flughäfen? Ich flieg heute über Birmingham“, sagte ein Spanier.

Die Freundin und ich sahen uns an, schlangen das Frühstück hinunter und schossen zurück ins Zimmer und googelten.

Direkt nach Wien fanden wir kein Angebot mehr, aber auf einem Flug von Bristol nach Salzburg waren am 23. Dezember noch zwei Plätze frei.

Natürlich würde er uns abholen, meinte mein Papa am Telefon. Aber ich sollte es der Mama noch nicht sagen. Es sollte eine Weihnachtsüberraschung werden.

Die Freude schoss mir als heiße Welle durch den Körper, ich war leicht und überdreht und gleichzeitig ängstlich, dass doch noch etwas schiefgehen könnte. Die Koffer waren dann viel zu früh fertig gepackt, die letzten Stunden bis zur Abfahrt wollten zunächst gar nicht und dann viel zu schnell vergehen.

Der Flug ging um halb acht in der Früh, davor ging kein Zug aus London an, also nahmen wir den letzten am Abend davor. Wir hatten uns extra ein paar Folgen Sherlock auf den Laptop geladen, waren dann aber viel zu aufgekratzt, um sie zu anzusehen.

Am Bahnhof in Bristol kam mit der Kälte die Ernüchterung. Alles war finster, nichts hatte offen und kurz beschlich uns Panik, dass wir vielleicht auch am Flughafen vor geschlossenen Türen stehen könnten. Doch eingelassen wurden wir zum Glück, suchten uns ein Plätzchen, versuchten munter zu bleiben. Um halb 5 öffnete endlich das kleine Café. Das Herz schlug immer schneller und die Frage klopfte an, ob der Flug nun tatsächlich stattfinden würde. Knapp vor dem Ende eine Enttäuschung einstecken zu müssen, schien viel schlimmer.

Nach 70 Bechern Tee und 30 Scones wurde endlich unser Flug aufgerufen; im Flugzeug nickte ich immer wieder weg, die Stimme der leitenden Stewardess vermischte sich mit sprechenden Weihnachtsgeschenken.

Die Ankunft

Es ist immer schön, am Flughafen abgeholt zu werden.

Aber meinen Papa in der Ankunftshalle zu sehen, stellte alle zuvor erlebten Abholungne in den Schatten. Die Müdigkeit ob der durchgemachten Nacht war weggeblasen.

Um die Mittagszeit waren wir in Wien. Meiner Mama hat mein Papa erzählt, dass er noch letzte Weihnachtsbesorgungen tätigen müsste und sich deshalb frei genommen hatte.

Es war tristes Wetter an dem Tag, es nieselte grauslich, als sie gegen 15 Uhr läutete. Ich schoss zur Tür, ein großes Grinsen im Gesicht.

Den Ausdruck in ihrem Gesicht werde ich wohl nicht mehr vergessen. Sie war so überrascht, dass sie es im ersten Moment nicht glauben konnte. Sie runzelte die Stirn, machte einen Schritt zurück. „Aber du bist doch in England“, sagte sie. Ich fürchte einen Moment lang, dass die Überraschung zu groß gewesen sein könnte. Ganz schnell erzählte ich ihr von dem neuen Flug, dass der Papa uns abgeholt hatte. Und dann konnte sie es endlich glauben.

Sie kam auf mich zu, ich fiel in ihre Arme und dann weinten wir beide.

Nachtrag

Nie hätte ich mir damals gedacht, dass je etwas anderes als das Wetter einen davon abhalten könnte, für Weihnachten nach Hause zu kommen. Heuer bin ich zwar im gleichen Land, Schnee gibt es auch keinen und trotzdem ist alles anders.

Aber es wird wieder anders werden.

Ich bin mir sicher.

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