Eine vorsichtige Annäherung

Ich weiß nicht, wie es passiert ist.

Sie kam an einem Tag im Frühling und alles an ihr schrie Unabhängigkeit. Ihr stolzer Gang, den Kopf nach vorne gerichtet, uns auf der Terrasse ignorierend, stakste sie durch das hohe Gras. So sanft, dass ihre Pfoten kaum den Boden berührten, jagte sie einen Vogel, eine Wespe, eine Maus. Unsere Nähe missachtete sie, suchte keine Verbindung.

Und doch kam sie bald fast jeden Tag in den Garten, lief durch die Wiese, blieb aus der Entfernung sitzen, beobachtete uns. Skeptisch, fasziniert. Bei der kleinsten Bewegung von uns schoss sie davon, ums raue Eck des Wochenendhauses.

Dass sie dennoch näherkam, schien ein Akt der Gnade, uns zu liebe strich sie um die Beine, drückte den Rücken nach oben gegen die Waden. Ihr seidenes Fell war warm, der Körper darunter schnurrte. Gierig nahm sie die kleinen Schinkenstücke, die wir ihr gaben, den letzten Bissen Lachs. Wir wussten nicht, wem sie gehörte, oder ob sie überhaupt Besitzer hatte.

Aufgeschreckt

Sie blieb jeden Tag ein bisschen länger auf der Terrasse sitzen, auf den aufgeheizten Fliesen, stets so, dass es eine Fluchtmöglichkeit für sie gab. Immer ganz plötzlich ließen sie die kleinsten Dinge aufschrecken, eine zu hastige Bewegung, ein lautes Sesselrücken, ein spontanes Lachen.

Auf ihre Besuche untertags konnte man sich nie verlassen, der Besuch zum Abendessen war rasch Routine. Und wenn nicht sofort jemand aufsprang und ihr eine Kleinigkeit auf dem Kaffeeuntersetzer richtete – Schinken, Speck, schon bald: eigens gekauftes Katzenfutter – schrie sie auf einmal selbstbewusst.

Ungebunden

Als sie das erste Mal ins Haus hineinkam, schien sie selbst überrascht und schoss, als sie erkannte, was sie getan hatte, panisch aus der Tür.

Nur nicht eingesperrt, nur nicht gebunden. Aber zu fasziniert, um sich lösen zu können.

Und so war sie schon wieder im Wohnzimmer, saß auf dem kleinen Teppich gleich hinter der Tür, ihre Pupillen ganz schwarz, der Schweif ein Metronom. Natürlich öffneten wir ihr die Terrassentür, sobald sie hinauswollte. Oder wieder hinein.

Angezogen

Denn die Wärme, die Nähe, die Vertrautheit musste ihr mehr zusagen, als sie es sich eingestand. Und so kam es, dass sie dieser Tage das erste Mal herauf auf die Couch sprang, sich zwischen uns einrollte und sah den ganzen Film bei uns blieb. Ruhig, die verletzliche Unterseite präsentierend.

Vielleicht ist sie einfach nicht der Typ, der sich leicht an neue Personen gewöhnt, sondern sich zunächst ein wenig überwinden, die Angst zurücklassen muss.

Aber am Ende ist sie dankbar, dass der andere so geduldig war. Und sie selbst nicht weggelaufen ist.

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