Manchmal muss man einfach springen

+++ English Version below +++
Sprichwörter sind abgewetzte Stellen berühmter Statuen. Sie sind platt vom vielen Angreifen und man möchte nicht hingreifen; ist doch eklig, wenn das schon so viele Menschen vor einem getan haben. Aber dann tut man es trotzdem. Und im Benützen erkennt man, dass so ein Klischee vielleicht doch auch ein bisschen wahr ist.

Los geht’s

Wege entstehen im Gehen.

So oft hat man es gehört, dass man den Sinn beim Aussprechen normal gar nicht mehr mitdenkt.
Doch dann beginnt man zu gehen und muss sich eingestehen: Es stimmt.
Der erste Schritt liegt ein Jahr zurück. Das Flugticket nach Australien war gebucht, das Arbeitsvisum besorgt, der Rucksack Probe gepackt. Doch dann kam zuerst das Feuer, dann Corona und schneller als ich Bildungskarenz sagen konnte, saß ich im Flugzeug zurück von Neuseeland Richtung Wien. An Tag eins der 20-tägigen Quarantäne für Reiserückkehrer*innen verfluchte ich meine Abenteuerlust insgesamt 7.231 Mal.
Doch dann füllten sich die zehn Monate doch mit Aufregung und Entdeckungen, mit neuen Eindrücken und schönen Leidenschaften.

Die Veränderung

Die wichtigsten Entscheidungen trifft dann das Leben; noch so eine Platitude.
Vielleicht ist das aber auch gut, denn ich kann mich eigentlich nie entscheiden. In der Früh stehe ich manchmal so lange vor dem Kleiderkasten, dass andere in der Zeit schon zwei Mal in der Arbeit wären und auf Netflix scrolle ich so lange durch die Filmauswahl bis der Abend vorbei ist.
Nur zwei Mal ging es ganz leicht.
Das erste Mal liegt acht Jahre zurück. Ich stand im fluoreszierenden Licht des Stiegenhauses, schaute durch die kacheligen Fenster in den tristen Februarregen und hörte die besorgten Stimmen meiner Eltern. Ob es schlau ist, einen Vollzeitjob anzunehmen, wenn das Studium noch nicht abgeschlossen ist? Aber ihre Vorsicht, die mich in allen anderen Momenten hätten zögern lassen, machte mich sicher: Natürlich würde ich das Angebot annehmen.

Der Sprung

Das zweite Mal war vor zwei Monaten. Ich saß ich vor dem Laptop und starrte auf das soeben erhaltene Mail der britischen Regierung. Herzlichen Glückwunsch, ihr Antrag auf Pre-Settled Status wurde genehmigt. Ich hatte ihn gestellt, ohne die Richtlinien genau durchzulesen, ohne zu realisieren, dass man den Aufenthalt im Jahr 2020 beginnen muss und nur sechs Monate abwesend sein darf. Mit meinem Aufenthalt im Sommer 2020 ergab das: ein verpflichtendes Einreisedatum von Februar 2021.
What?!?!!
Das Herz raste – vor Aufregung, vor Vorfreude, vor Nervosität.
Nur nicht: aus Unsicherheit.
Denn manchmal – und jetzt ist wirklich Schluss mit den abgedroschenen Phrasen – manchmal muss man einfach springen.

***

Sometimes you just have to jump

Proverbs are the scuffed parts of famous statues. They are flat from being touched so much and you don’t really want to reach out; it’s disgusting when so many people have done it before you. But then, somehow, you do it anyway. And in using them, you realise that this cliché is perhaps also a little true.

Let’s go

Paths are created by walking.
You have heard it so often that you normally don’t even think about the meaning when you say it.
But then you start walking and have to admit to yourself: It’s true.
The first step was taken a year ago. The flight ticket to Australia had been booked, the work visa had been obtained, the backpack had been packed. But first came the fire, then Covid, and faster than I could say “Bildungskarenz”, I was on the plane back from New Zealand to Vienna. On day one of the 20-day quarantine for returning travellers, I cursed my thirst for adventure a total of 7,231 times.
But then the ten months filled up with excitement and discoveries, with new impressions and beautiful passions.

The change

Life then makes the most important decisions. Another platitude.
But maybe that’s a good thing, because I can never really make up my mind. In the morning, I sometimes stand in front of the wardrobe for so long that others would be at work twice in that time, and on Netflix I scroll through the film selection until the evening is over.
Only twice has it been easy.
The first time was eight years ago. I stood in the fluorescent light of the stairwell, peering through the tiled windows into the dreary February rain and hearing my parents‘ worried voices. They wondered if it was smart to take on a full-time job when I hadn’t finished my studies yet. But their caution, which in all other moments would have made me hesitate, made me certain: of course, I would accept the offer.

Jump!

The second time was two months ago. I sat in front of the laptop and stared at the mail I had just received from the UK Government. Congratulations, your application for pre-settled status had been approved. I had submitted it without reading the guidelines properly, without realising that you have to start your stay in 2020 and can only be absent for six months every year. With my stay in summer 2020, this resulted in: a mandatory entry date of February 2021.
What?!!!
My heart was racing – with excitement, with anticipation, with nervousness.

But not: With insecurity.

Because sometimes – and now there really is an end to the hackneyed phrases – sometimes you just have to jump.

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