Eine Vespa auf Reisen oder Wie ich das Frieren lernte

Nun jetzt: Österreich unsicher machen. (Obwohl, unsicher machen ist in Zeiten wie diesen, vielleicht das falsche Wort. Besser also: erkunden.) Mit Flora, meiner roten Vespa.

Die Idee klang nach gefühlt 100 Wochen im Lockdown in meiner 42-Quadratmeter-Wohnung besonders verlockend.

Und so schmiedete ich im sonnigen Mai bei 28 Grad im Schatten die Pläne: Ich sah mich mit lässiger Jeans und Lederjacke über Alpinstraßen cruisen, die Haare flatterten im rasanten Fahrtwind, am Abend würde ich in einer süßen Pension ankommen, mir beim Abendessen auf der Terrasse noch die Abendsonne ins Gesicht scheinen lassen und am nächsten Tag Yoga machen oder die Gegend in T-Shirts und Shorts erkunden. Braungebrannt und sportlich würde ich nach Wien zurückkehren.

Zu Wochenbeginn ging’s dann los. Ziel Nummer eins: ein süßer Biogasthof in der Steiermark bei St. Katharein an der Laming. Mit Esel, Lama und viel Grün und noch mehr Ruhe. Was will das Stadtkind mehr?

Realitätscheck

Ich merke, dass ich meine Rechnung ohne die Wettergöttin gemacht habe, als ich mich zu Wochenbeginn bei Nieselregen und Temperaturen, die gerade schon im zweistelligen Bereich liegen, auf die Vespa schwinge.

Ich fühle mich nicht wie eine Abenteurerin, sondern wie ein Michelinmännchen: Ich trage sieben Schichten und eine Sturmhaube. Wenn ich mich umdrehe, muss ich mich mit dem ganzen Körper wenden, weil die dicken Schichten kaum Bewegungsraum zulassen.

Nach fünf Kilometern muss ich das erste Mal stehen bleiben, und den Schal bis nach oben in den Helm stopfen, um zu verhindern, dass meine Ohren abfrieren.

In Schottwien bekomme ich einen Knoten im Bauch.

Der Semmering jagt mir ein wenig Angst ein. Nach der Hälfte des Anstiegs erkenne ich aber, dass die steilen Kurven und die Steigung gar kein Problem sind. Ich habe viel mehr mit taub werdenden Fingern zu kämpfen. Und erkenne wieder einmal: Es braucht nur eine größere Sorge, um die kleineren verstummen zu lassen.

Als ich den höchsten Punkt erreiche, jubelt ein kleines Weibchen in mir (wieso kann man Männchen sagen, aber nicht Weibchen?). Wir passieren bei Spital am Semmering das grüne Papp-Herz mit dem weißen Steiermark-Schriftzug: Die rote Flora hat zum ersten Mal nach acht Jahren ein drittes Bundesland befahren. Sie jubelt auch.

Von da an geht’s einmal bergab und mit jedem Meter steigt meine Hoffnung, wieder auf wärmere Temperaturen zu stoßen.

Allein, sie kommen nicht. Dafür der Wunsch nach einer Tee- und Pinkelpause.

Montag: Ruhetag. Überall

Was ich vor Antritt meiner Reise auch nicht bedacht habe: Dass jene Lokale, die nicht corona-bedingt weiter geschlossen haben, montags Ruhetag haben. Und so muss ich durch zwei Dörfer durchfahren und in Krieglach drei Runden ziehen, um schlussendlich zumindest in einer Pizzeria einkehren zu können.

Laut GoogleMaps hatte ich den Löwenanteil meiner Reise nun hinter mir. Noch 50 Minuten Fahrt – aber keine Minute länger, warnt mein durchfrorener Körper, der sich durch den Tee nur marginal aufwärmt. Die offen gehaltene Eingangstür der Pizzeria hilft beim Aufwärmen auch nur halb.

Leider rasen die GoogleMaps-Berechner offenbar auch über kleine, kurvige Gebirgsstraßen mit 100 km/h, anders kann sich ihre Zeitangabe nicht ergeben. Die Strecke den Pretal-Sattel hinauf und  auf dem Hochplateau entlang ist zwar malerisch: Aber nach 50 Minuten hatte ich nicht einmal die Hälfte des Reststücks zurückgelegt.

Ich fühle mich ein bisschen so verloren wie auf neuseeländischen Landstraßen. Du wolltest Abenteuer, jetzt hast du Abenteuer!

Endspurt

Im nächsten Ort trinke ich nach dem Tanken also wieder Tee, bevor ich mich das letzte Stück Weg in Angriff nehme. Ich bin froh, dass der Nieselregen aufgehört hat, denn es geht wieder steil bergauf, diesmal auf einer unasphaltierten Straße. Flora ist ein bisschen irritiert, wo ich sie hier hinschicke. Ich bin es ehrlich gesagt auch.

Ich fahre über die letzte Kuppe –  und kann den Bauernhof schon vor mir sehen.

Im Einfahren mustern mich Dammwild, Lama und Esel von ihren jeweiligen Koppeln skeptisch.

Vor dem Haus spielt ein Großvater mit den Kindern – alle in kurzen Ärmeln. Ich fühle mich in meiner Weichei-Heit überführt. Die heiße Dusche ist dann die wahrscheinlich beste meines Lebens. Ich habe Hunger, als hätte ich einen Marathon hinter mir (und am nächsten Tag auch so einen Muskelkater). Die nette Bäuerin macht mir schnell zwei Toasts und stellt mir, nach meiner Frage, ob es vielleicht ein Glas Weine gebe, gleich die ganze Flasche hin. Sie sieht wohl, dass ich sie brauchen kann.

Am Abend schildere ich S. meine Tort(o)ur.

Widrigkeiten stärken den Charakter, schreibt er.

Ich schreibe zurück: Ich finde, mein Charakter ist fertig geformt. Kannst du das den Widrigkeiten bitte weiterleiten?

Sie teilen diese Meinung offenbar nicht. Für die nächsten Tage ist weiter Regen angesagt.

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