In kleinen Hüpfern ans Ziel

+++ English Version below +++

Die Rede von der zehntägigen Hotelquarantäne für alle Ankommenden im Vereinigten Königreich kam so richtig am Montag vor drei Wochen auf. Ich saß auf der Couch am Laptop, mein Flug nach London war für Sonntag gebucht.

1.500 Pfund für zehn lange Tage in einem Hotelzimmer werden in Aussicht und das Essen dabei vor die Tür gestellt, vielleicht ein Blick auf die Rollbahn.

Schon wieder Herzrasen. Und dann fliegen die Finger über die Tastatur.
Ein Ticket für morgen ist noch buchbar, vier Stunden Flugzeit, Zwischenstopp in Zürich. Der Adrenalin-zittrige Finger will auf Buchen klicken.
Und das mit dem Test geht sich aus?
Die haben heute bis 20 Uhr Termine.
Aber das Ergebnis muss ja auch bis morgen da sein.
Shit!

Die Suche

Panischer Griff zum Telefon, Scrollen durchs Internet, klicken, fluchen. Ist ein Testergebnis bis heute Abend möglich? Nein. Danke. Nein, ich muss nicht wissen, dass man es am Nachmittag bekommt, wenn man vor vormittags erscheint, es ist 13.35 Uhr, das bringt…
Ja, ein Ergebnis ist noch am selben Tag möglich, aber Sie müssen bis 13.45 Uhr kommen.
13.45?
Ja.
Das ist in zehn Minuten.
Ja.
Wie lange brauchen Sie?
Äh… zehn?
Und wirklich?
20.
Okay, wir warten auf Sie.
Meine Mama übernimmt den Laptop. Mein Papa springt schon wieder auf.

Der erste Abflug

Sechs Uhr morgens in Schwechat. Der Flughafen ist ruhig und einen Moment lang kann man sich einreden, dass es an der frühen Uhrzeit liegt.
Die erste Erleichterung, wenig Menschen am Gate zu sehen, und in der Konsequenz, wenig Menschen im engen Flugzeug zu erhoffen, wird jäh zunichte gemacht, als der Transferbus vor einer kleinen Propellermaschine stehen bleibt.
Ja, sie ist klein, sagt die Stewardess beim Boarding fröhlich, aber dafür ginge das Ein- und Aussteigen rasch. Wenigstens, denke ich, während wir uns wie Sardinen schlichten. In Zürich sind es nur 50 Minuten zum Umsteigen. Ob sich das ausgeht?
Aber dann kommt es ohnehin anders.
Ein leichtes Problem mit dem Druck in der Kabine, sagt der Kapitän und die Stimme, die uns zuvor freundlich willkommen geheißen hat, ist schwer. Wir müssen zurück nach Wien und werden in 15 Minuten am Boden sein. Es wird eine normale Landung, sagt er noch.
Ich blicke aus dem Fenster und sehe, dass die Erde so weit weg ist, dass man keine einzelnen Häuser ausmachen kann. Es ist still, die Crew – please prepare for landing – erscheint nicht mehr, wir sitzen, atmen etwas schwerer, obwohl wir doch extra wenig einatmen wollten, von der Corona-Aerosols-Luft.

Die unerwartete Rückkehr

Die Landung ist dann so sanft, dass es sich wie Ironie anfühlt.
Keiner klatscht, aber da ist Erleichterung zum Einkuscheln.
Im Terminal informiert uns das Bodenpersonal, dass die nächste Maschine, schon bereit besteht.
Und der Weiterflug nach London?
Wird organisiert… für den nächsten Tag.
Steine plumpsen in den Magen.
„Ist das die gleiche Maschine?“, fragt ein Mann, als der Bus erneut vor der kleinen Propellermaschine hält. Aber es nur das gleiche Sardinen-Modell.
Wir kommen dann so problemlos nach Zürich, dass die Episode von der Früh zur vagen Erinnerung verkommt. Am Transferdesk erhalten wir Hotelbestätigung, Ticket für den nächsten Tag und eine Bahnkarte für den Weg zum Hotel gibt.
Damit können Sie 24 Stunden unterwegs sein, sagt die Mitarbeiterin mit einem Lächeln, als gäbe es in Zeiten von Corona nichts Schöneres 24 Stunden mit der Bahn durch Zürich fahren zu können.

Der Zwischenstopp

Das Flughafenhotel hat den Charme eines Betonwürfels. Im Zimmer funktioniert der Strom nicht. Die Rezeptionistin händigt mir unbekümmert den Schlüssel für ein anderes. Dort geht die Heizung nicht, aber ich bin zu müde, um noch einmal umzupacken, also nehme ich den kleinen portablen Heizstrahler, den die Rezeptionistin kurioserweise griffbereit hat, und rolle mich mit Mütze und zwei Decken ein.
Der Essensgutschein ermöglicht zwei Mal halbwarme Spaghetti; wenn ich sie aufs Zimmer mitnehmen möchte, im Pappkarton. Während der aus dem Lager geholt wird, werden saftige Burger mit krossen Pommes in edlen Essensglocken vorbeigetragen.
Im Supermarkt ums Eck kaufe ich einen Piccolo-Sekt um fünf Franken.
Die Maschine nach London am nächsten Morgen hat transatlantische Ausmaße: Zwei Mittelgänge und acht Sitzen in jeder Reihe. Wir müssen noch aufs Enteisen warten, sagt der Kapitän und wir warten dann fast eine Stunde. Ich verknote die Finger und hoffe wir enteisen wirklich und suchen keinen Defekt.

Der erste Abflug

Als wir endlich abheben, kommen mir das erste Mal die Tränen.
Der große Vogel gleitet sanft durch den Himmel und das Flugpersonal lächelt freundlich und bittet in regelmäßigen Abständen immer die gleichen Männer die Maske doch wieder über die Nase zu ziehen.
Als wir in Heathrow landen, weine ich das zweite Mal.
Fast alle Gänge in Heathrow sind leer, bis auf jener vor der Passkontrolle. Es müssen schließlich auch Passenger Locator Form und Covid-Test kontrolliert werden.
Es scheint nicht alles zu passen. Immer wieder steht ein Beamter mit einem Reisenden auf, spricht von einem weiteren Test, der notwendig sei und verschwindet durch eine Tür ohne zurückzukommen, bis nur mehr eine Beamte für Hunderte Ankömmlinge zuständig ist.
Als die ersten Menschen bleich werden und Wasser in Aludosen herumgereicht werden muss, werden doch die E-Gates geöffnet.
Nach einer gefühlten Woche gehe ich durch den Gang, der so aussieht, wie in „Tatsächlich Liebe“, weil er es vielleicht auch ist.
Und dann liegen wir einander in den Armen.
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Time to take a flying leap

Talk of the ten-day hotel quarantine for all arrivals in the UK came up on the Monday three weeks ago. I was sitting on the couch at my laptop, my flight to London booked for Sunday.
1,500 pounds for ten long days in a hotel room, is now on the cards, food on the doorstep, maybe a view of the tarmac.
Heart palpitations again. And then the fingers fly over the keyboard.
A ticket for tomorrow is still bookable, four hours flying time, stopover in Zurich. The adrenalin-shaking finger wants to click on book.
“Will it work out with the necessary test?”, mum asks.
They have appointments until 8 pm today.
“But the results have to be in by tomorrow.”
Shit!

The search

I panic and reach for the phone, scroll through the internet, click, swear. Is it possible to get a test result by tonight? No. Thank you. No, I don’t need to know that you get it in the afternoon if you turn up before mid-morning, it’s 1.35pm, that brings….
“Yes, a result is possible the same day, but you have to come by 1.45pm”, a woman finally says.
1.45?
“Yes.”
That’s in ten minutes.
“Yes. How long do you need?”
Uh… ten?
“Really?”
20.
“Okay, we’ll wait for you.“
My mum takes the laptop. My dad jumps up.

First take-off

Six o’clock in the morning in Schwechat. The airport is quiet and for a moment you can convince yourself that it’s because of the early hour.
The first relief of seeing few people at the gate, and in consequence hoping for few people in the cramped plane, is abruptly shattered when the transfer bus stops in front of a small propeller plane.
Yes, it is small, the stewardess says cheerfully as we enter, but that makes boarding and disembarking quick. At least, I think, as we tuck in like sardines. Because in Zurich it will only be 50 minutes to change planes. Will that be enough?
But then things turn out differently anyway.
A slight problem with the pressure in the cabin, says the captain, and the voice that welcomed us kindly before is heavy. We have to go back to Vienna and will be on the ground in 15 minutes. It will be a normal landing, he says.
I look out of the window and see that the earth is so far away that you can’t make out individual houses. Everybody is quiet, the crew – please prepare for landing – no longer appears, we sit still, breathe a little heavier, although we wanted to breathe in extra little of the corona aerosol air.

Unexpected return

The landing, then, is so gentle that it feels like irony. No one claps, but there is relief so thick you can hug it.
In the terminal, the ground staff inform us that the next plane is ready.
And the onward flight to London?
“Is being organised… for the next day.”
Stones plop in the stomach.
“Is this the same plane?”, a man asks as the bus stops again in front of the small propeller plane. But it’s only the same sardine model.
We then arrive in Zurich so smoothly that the episode from the morning fades into a vague memory. At the transfer desk we get hotel confirmation, ticket for the next day and a train ticket for the way to the hotel there.
“With this you can be on the road for 24 hours”, the employee says with a big smile, as if in times of Corona there is nothing better than being able to ride around Zurich by train for 24 hours.

In-between stop

The airport hotel has the charm of a concrete cube. The electricity in the room does not work. The receptionist unconcernedly hands me the key for another room. There, the heating doesn’t work, but I’m too tired to repack again, so I take the small portable heater that the receptionist curiously has handy and roll myself in with a cap and two blankets.
The meal voucher allows for two meals of half-warm spaghetti; if I want to take it to the room, in a cardboard box. While that is being fetched from storage, juicy burgers with crispy fries are carried past in noble food bells.
At the supermarket around the corner, I buy a Piccolo sparkling wine for five francs.
The plane to London the next morning has transatlantic dimensions: two aisles and eight seats in each row. “We still have to wait for de-icing”, the captain says, and we wait almost an hour. I knot my fingers and hope we really are de-icing and not looking for a defect.

Second take-off

When we finally take off, I cry for the first time.
The big bird glides gently through the sky and the flight crew smiles kindly and asks the same men at regular intervals to pull the mask back over their noses.
When we land at Heathrow, I cry for the second time.
Almost all the aisles at Heathrow are empty, except for the one in front of passport control. After all, Passenger Locator Form and Covid Test have to be checked, too. Not everything seems to fit.
Every now and then, an official stands up with a traveller, talks about another test that is necessary and disappears, until there is only one official left to check hundreds of passengers.
When the first people turn pale and water has to be passed around in aluminium cans, the e-gates are opened after all.

After what feels like a week, I walk through the terminal corridor that looks like the one in „Love Actually“, because maybe it is.

And then we lie in each other’s arms.

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