Allein unter Vögeln

“Passt auf euer Essen auf”, sagt der Ranger in Khaki-Shorts und Sonnenhut am Ende seiner Einführungsrede. Die starke Sonne Neuseelands brennt auf unsere Köpfe, hinter uns klatschen Meereswellen gegen den Strand und zu unseren Füßen wieseln ein paar freche Wekas, eine Vogelart, die wie eine Mischung aus Kiwis und Hühner aussehen. Sie sind auf der Suche nach Essensresten, die wir vielleicht fallen gelassen haben.

Der Ranger drückt uns noch eine Karte von der Insel in die Hand, dann entlässt er uns für die nächsten paar Stunden mit den Worten: “Und nehmt euch vor dem Kaka-Papagei in Acht.”

Ob er das nur so sagt? Sicherheitshalber stopfe ich den Proviant etwas tiefer in den Rucksack.

Das war vor rund einem Vierteljahr. Ich befand mich auf Kapiti Island, einer zehn Kilometer langen, dünnen Insel vor der Westküste Neuseelands – und einer der ganz wenigen Orte, an dem Neuseeland im Urzustand entdeckt werden kann: Denn das Eiland ist einzig von Vögeln bevölkert.

Ameisen-Check

Um dieses Ökosystem zu erhalten, wird nur eine kleine Zahl an Tagestouristen auf die Insel gelassen. Und diese müssen vor Betreten des Schiffes durchgecheckt werden. „Wir suchen derzeit vor allem nach der Argentinischen Ameise und Geckos”, sagt das Mädchen beim Check-In und zeigt auf entsprechende Bilder.

Erst nachdem sie sicher ist, dass sich diese weder auf meinen Schuhen noch im Rucksack befinden, darf ich weiter.

Auf der Insel geht es weiter Richtung Tuteremoana, mit gut 500 Metern die höchste Erhebung der Insel. Begleitet von Zwitschern, Trillern, Rufen und Gurren führt der Weg durch lichten Urwald in dem sich das Sonnenlicht spielt.

Gift nach Plan

Nicht ganz so paradiesisch war die Art, wie Kapiti Island zu dem Naturschutzgebiet wurde.

Dazu mussten die Säugetiere, die es zu dem Zeitpunkt auf der Insel waren, beseitigt werden. Bei Ziege, Wildkatze, Wiesel und Opossum konnte das mit Lebendfallen bewerkstelligt werden, erzählt der Ranger. Bei den Ratten war das nicht möglich. Zu viele. Zu schnelle Fortpflanzung. Also: Der Griff zum Gift.

Doch, meint der Ranger weiter, die Aktion musste wohl überlegt sein: „Denn wenn man nicht alle Ratten auf einmal fangen würde, wäre die Aktion umsonst.“ Jahrelang hätten die zuständigen Landwirtschaftsmitarbeiter*innen also an einem Plan getüftelt. Und schließlich eine Methode mit Hubschraubern und GPS-Daten erarbeitet, bei der sie wirklich alle Ratten erwischen konnten.

War das nicht eeetwas brutal? „Naja, aber nun einmal notwendig“, erwidert der Ranger. „Und ursprünglich haben ja nur Vögel auf der Insel gelebt. Wir haben also bloß den Urzustand wiederhergestellt.“

Auf die Tatsache, dass die Ratten und die anderen Säugetiere aber nur aufgrund der Menschen überhaupt auf die Insel gekommen sind, geht er nicht näher ein. Jedenfalls, meint er stolz, sei Kapiti Island seit 1996 ratten- und somit säugetierfrei.

Nichts in Sicht

Auf der ratten- und säugetierfreien Insel geht es weiter bergauf. Nach etwa einer halben Stunde erreicht man die Vogelfutterstation.

Bis dato waren zwar viele Vögel zu hören, doch abgesehen von den Wekas beim Informationspunkt kaum welche zu sehen. Die Erwartung an die Futterstation war also groß. Doch: Auch hier sind nur drei kleine Singvögeln anzutreffen.

Also war der Satz des Rangers doch übertrieben gewesen. Ich bin enttäuscht.

Zumindest der Proviant kann aber somit ohne Sorge verspeist werden. Und die beeindruckende Aussicht über die Insel und Teile des Festlandes vom Gipfel aus rund eine Stunde später macht für die ausbleibenden Vogelbegegnungen auch etwas wett.

Und dann…

Am Rückweg zur Küste sitzt auf dem Picknicktisch neben der Futterstation eine Gruppe Frauen. Ich setze mich dazu. Zeit für einen Snack. Leicht beunruhigt schiele ich gen Blätterdach, als ich meine Banane aus dem Rucksack hole. Aber: nichts.

“Also da ist ja nicht so viel los“, meint eine der Frauen. Die anderen nicken.

Eine kramt in ihrem Rucksack herum. Plastiktüten rascheln. Ich nehme mein Sandwich aus dem Rucksack, beiße hinein – AAAAAHHHHH!

Im ersten Moment sind da nur Federn und Krallen.

Im zweiten sehe ich, wie der Kaka davonflattert. Ein Stück Sandwich im Schnabel.

Hatte der Ranger also doch recht gehabt.

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