Eine Frage des Abstands

Ein bisschen vorwurfsvoll blickt Flora mich an, als ich in den schwarzen Audi steige und sie in der Steiermark zurücklasse.

Die Aussicht von ihrem Garagenplatz aus über das steirische Tal ist aber ziemlich gut, also ist die rote Vespa mir nicht zu lange Gram.

Und wenn sie ehrlich ist, hat sie die bevorstehende Fahrt über die Tauern genauso gegruselt wie mich.

Elf Grad, Nieselregen und ein Pass – das hatten wir schon zwei Mal und es war schon beim ersten Mal nicht lustig.

Deshalb: Fahrzeugwechsel. Denn der nächste Stopp auf meiner (nun nicht mehr nur Vespa-, sondern auch Auto-)Österreich-Tour ist Yoga-Retreat Nummer 2 bei Europas größtem Wasserfall.

Luxusgefährt

Ich sause über die Autobahn nach Westen.

Noch nie war mir der Luxus einer Auto-Überland-Fahrt so bewusst: Ich werde nicht nass, friere nicht, kein Rucksack drückt mir auf die Schultern. Herrlich!

Doch in der Sekunde, in der ich diesen Luxus genieße, kommt das schlechte Gewissen: Darf ich das? Ich hätte auch mit dem Zug fahren können, aber ich habe mich bewusst für den Luxus des Autos entschieden, das meine Freundin mir sehr lieberweise angeboten hat: Weil es so bequem ist.

Ich beschließe das zu tun, was ich immer tue, wenn ich mein schlechtes Klima-Gewissen befriedigen möchte: einen Tauschhandel.

Der Deal: Dafür, dass ich mit dem Auto gefahren bin, darf ich in den kommenden Tagen kein Fleisch essen.

Die Tatsache, dass ich eigentlich an sich kaum noch Fleisch esse, verschweige ich vor mir selbst.

Tauschhandel sind unglaublich praktisch.

Die kleinen Sünden

Es ist dann wohl Karma, das mich für meine Bequemlichkeit bestraft:

Denn Yoga-Retreat Nr. 2 ist das exakte Gegenteil des ersten Urlaubs. Aus klein und familiär wird groß und professionell (inklusive ausladendem Buffet, an dem abgesehen von einer kleinen Desinfektionsflasche am Eingang nichts auf die derzeitige Situation hinweist), aus Holz und Rustikalität wird modern und stylisch, aus entspannendem Yin- wird aktives Yang-Yoga.

Das wäre ja alles noch nicht dramatisch, doch dann wird aus einer Yoga-Lehrerin, die aus Rücksicht aufs Herumgehen und zu viel Nähe verzichtet: eine entgegengestreckte Hand.

Zur Begrüßung.

Ich bin überrumpelt.

Viren-Alarm!

Während das kleine Weibchen in meinem Kopf panisch durch meinen Kopf läuft und wir nicht wissen, wie wir reagieren sollen, denn wir wollen keinesfalls die fremde Hand schütteln, schüttle ich schon die Hand.

Obwohl die Yoga-Lehrerin gesünder nicht aussehen könnte (aber das sagt ja nichts, wie wir wissen), habe ich nach dem Händeschütteln das Gefühl, dass meine Hand von grünem giftigem Licht umgeben ist –  wie in der Folge „Scrubs“, bei der sie zeigen wollten, wie schnell sich Infektionen verbreiten.

Ich will mich auf die Yoga-Matte setzen, aber ich stelle mir vor, wie sich das grüne Licht dann auf die Matte überträgt und am Ende der Yoga-Einheit auf meinem gesamten Körper ausgebreitet haben würde.

Gehirnwäsche erfolgreich absorbiert, würde ich sagen.

Ich husche auf die Toilette und wasche mir zwei „Happy Birthdays“ lang die Hände.

Ich weiß nicht, ob ich mich albern oder erleichtert fühlen soll.

Gedankenkarussell

Die Yogalehrerin geht während der Stunde im Raum auf und ab. (Übrigens erst auf unser Urgieren hin in einem Raum, der für die überraschend große Anzahl der Menschen angemessen ist.) Manche Kursteilnehmer*innen richtet sie aus. Jedes Mal verkrampft sich mein Körper. Ich bin kurz davor, etwas zu sagen. Dass ich das zu nahe finde. Dass ich irritiert bin, ob ihrer Ignoranz. Dass eine Yoga-Lehrerin auf die (räumlichen) Bedürfnisse der Kursteilnerhmer*innen eingehen sollte. (Auch wenn diese übertrieben sind.) Gerade in der aktuellen Zeit.

Aber bei jedem kleinen Akt, den sie tätigt, denke ich auch: Ach was, jetzt kann ich doch nichts sagen. Das ist doch nicht schlimm genug. Vielleicht bin ich komisch. Die Abstandsregeln sind mir zu Kopf gestiegen. Es ist meine Schuld. Wieso habe ich dieses Retreat gebucht? Wieso bin ich nicht zu Hause geblieben? Wieso habe ich beim Reservieren nicht nachgefragt, wie viele Kursteilnehmer*innen es geben wird?

Und je mehr Yoga-Stunden vergehen, desto öfter denke ich: Naja, jetzt hast du so lange nichts gesagt, jetzt geht das auch nicht mehr!

Also schweige ich.

Und fühle mich immer mehr bedrängt. Bis mir am Tag der Abreise Tränen kommen. Die Hotelier sieht mich ein wenig mitleidig an. Ich komme mir lächerlich vor.

Angepasst

Vier Tage später auf – nachdem ich den schwarzen Audi wieder gegen die rote Vespa getauscht habe – mache ich im steirischen Mürztal meinen vorletzten Halt.

Die gebuchte Pension entpuppt sich als klein, aber komfortabel und äußerst sauber.

Und dann gehe ich am Morgen müde zum Frühstück – und die Pensions-Chefin steht mit Mundschutz hinter dem Buffet,  fragt die Gäste, was sie möchten, legt es ihnen auf den Teller und reicht ihnen diesen an –  ohne dass die unterschiedlichen Gäste einander oder dem Buffet zu nahe kommen oder wir angegrapschte Gabeln angreifen müssen, um unsere Teller zu füllen.

Als sie mich nach meinen Wünschen fragt, kommen mir schon wieder die Tränen.

Diesmal aus Dankbarkeit.

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