Langsam geht es besser

Um zu verhindern, dass ich während meiner Österreichtour mit der Vespa auf halbem Weg umdrehe (als hätte ich die widrigen Wetterumstände geahnt), habe ich in Kärnten ein Yoga-Retreat gebucht.

Als ich dort ankomme, erkenne ich, dass mir wieder einmal passiert ist, was mir bei Mathematik-Schularbeiten oft zum Verhängnis wurde: Ich habe die Angabe nicht richtig – weil schludrig – gelesen.

Bei den Mathematikschularbeiten hatte das stets zur Folge, dass ich mit den falschen Zahlen zu rechnen begann, irgendwann panisch zur Angabe retour ging, sie noch einmal – diesmal genau – las , meine ungenauen Lesefähigkeiten verfluchte und mit hochrotem Kopf begann, die gesamte Schularbeit noch einmal durchzurechnen.

Gelernt habe ich aus der Stresssituation übrigens nie. Bei der nächsten Schularbeit habe ich verlässlich denselben Fehler begangen.

Überflogen

Diesmal habe ich die Information des Retreats nicht wirklich gelesen.  Aus der Panik heraus, dass alle österreichischen Yoga-Retreats in der nächsten Sekunde ausgebucht sein würden und ich exakt jetzt zuschlagen müsste. Sehr wahrscheinlich.

Dass sich das Hotel als komplett bio, vegan und vegetarisch herausstellt (und zwar seit 30 Jahren, Hut ab), finde ich dann aber eigentlich sehr toll.

Bis zu dem Moment, in dem mir einschießt, dass das bedeuten könnte, dass es vielleicht keinen Alkohol gibt. Wegen der Gelatine oder der Schildlaus, aus der der rote Farbstoff für Campari und Aperol gewonnen wird.

Ein Blick auf das Schild über der Theke beruhigt mich aber sofort: Neben der hausgemachten Bio-Limonade werden auch Bio-Weine angeboten. (Und eine kurze Internetrecherche zeigt auch: Das Rot im Aperol kommt seit einigen Jahren gar nicht mehr aus dem Laus, sondern wird synthetisch hergestellt.)

Na, dann Prost!

Überraschend ruhig

Zweite Überraschung, als ich mich um 6:50 Uhr aufgerappelt und in Stille in den Kastanienseminarraum hinüber getapst bin.

(Also, fast so in Stille, wie es die Yogalehrerin vorgeschlagen hat. Eigentlich hätte ich das Handy gar nicht zu Hand nehmen sollen. Zumindest habe ich Facebook  sofort wieder zugemacht, als es mir eingefallen ist. Leider hatte ich bis dahin 512 Posts gesehen, die mir egal sein sollten und mir trotzdem zu viel Energie gekostet haben. Morgen wird Facebook gesperrt!)

Die Erkenntnis dann also während der Yogaeinheit: Es handelt sich erneut um eine sehr ruhige Yin-Yoga-Stunde. Kurzer Check nach der Morgeneinheit im Programm: Tja, es handelt sich auch um ein Yin-Yoga-Retreat. Yin-Yoga- und Shakti-Dance-Retreat, um endlich einmal genau zu sein.

Ob ich jetzt dann die körperliche Bewegung bekommen würde, die ich doch haben wollte, denke ich besorgt und lege damit offen, dass es mir ja gar nicht um den inneren Wandel beim Yoga geht, wie ich es so gerne beteure, sondern bloß um das Aussehen, das ich dadurch erlange. Naja, ich möchte ja beides! Innen ruhiger werden und außen stärker, versuche ich mich selbst zu belügen.

Ich kann ja untertags noch wandern gehen, denke ich mir. (Ein Gedanke, den ich mit vollem Bauch nach dem Frühstücksbuffet wieder verwerfe.) Zumindest spazieren gehe ich dann aber schon.

In Wahrheit muss ich mir nach der nächsten Einheit dann auch eingestehen, dass ich die fließenden, ruhigeren Einheiten sehr genieße.

Wenn ich noch ehrlicher bin, ziehe ich sie den anstrengenden Yogaeinheiten vor.

Der innere Kampf

Du wirst faul, schreit das kleine stets negative Männchen in meinem Kopf. Yin-Yoga ist zwar ruhiger, aber höchst effektiv, zitiere ich meine Yogalehrerin.  Das kleine Männchen hört nicht auf, mich zu maßregeln, vielleicht, weil ich diesen Satz selbst nicht so ganz glauben kann.

Ich spüle alle schlechten Gefühle mit frischem Bio-Birnensanft hinunter.

Weil das nicht hilft, gieße ich Bio-Aperol-Spritzer nach.

Am Ende der vier Tage bin ich von der Yogalehrerin dann so begeistert, dass ich mir wünsche, der Kurs möge ewig weitergehen. Ich liebe die fließenden Übungen und das Tanzen und die Mantras.

Und recht sollte die Yogalehrerin auch behalten: Als ich nach dem letzten Frühstück nämlich auf die rote Flora klettere, zittern meine Oberschenkel. Vor Muskelkater.

Ich strecke dem kleinen Männchen in meinem Kopf die Zunge heraus. Siehst du!

Dann gebe  ich Gas: Über Oberkärnten brauen sich Gewitterwolken zusammen und ich muss bis in die Weststeiermark. Vorzugsweise ohne noch einmal klitschnass zu werden.

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